Geologie des Berges

Die Covid19-Pandemie hat in vielen gesellschaftlichen, politischen sowie kulturellen Bereichen als eine Art Brennglas gewirkt, indem bereits bestehende Missstände verstärkt wurden. Gleichzeitig wurden blinde Flecken erst sichtbar gemacht – so, die mangelnde Digitalisierung der Kulturangebote. Zwar versuchten die Galerien, Museen, Konzerthäuser wie auch Theater schnellstmöglich diese Lücke zu schließen, jedoch hatten sie bei all der Eile und Not das wichtigste vergessen abzuholen – nämlich das Publikum!

Dabei existiert bereits eine Vielzahl verschiedener digitaler Communities beispielsweise auf den weltweit erfolgreichen Plattformen Youtube und Twitch, wo durchaus eine breite Akzeptanz und der Wunsch nach digitalen Angeboten vorherrscht. Während dort Millionen zumeist junger Menschen anderen beim Auspacken von Spielzeug, beim Computerspielen oder beim Rezensieren eines neuen Albums zuschauen, können die etablierten Kulturschaffenden mit ihren Formaten von solchen Zuschauer*innen-Zahlen bisher nur Träumen. Aber warum blicken sie in eine gähnende, digitale Leere?

An der Qualität kann es nicht liegen, denn die Ausstellungen, Aufführungen und Konzerte sind hochkarätig besetzt, professionell produziert und würden in der realen Welt die Häuser durchaus mit Zuschauer*innen und Zuhörer*innen füllen. Aus diesem Grund lohnt sich vielmehr ein Blick auf die Rezipient*innen, bei welchem man feststellen muss, dass schlichtweg die Bedürfnisse des digitalen Publikums bei den Kulturangeboten nicht erfüllt werden.

So lassen sich zwei wichtige Erkenntnisse über das digitale Publikum ziehen, wenn man auf die erfolgreichen digitalen Community schaut. Zum einen wünscht sich das digitale Publikum einen lebendigen Reflexionsraum, bei dem Interaktionen und Reaktionen bereits im Inhalt angelegt sind. Die Zuschauer*innen werden auf Youtube und Co. direkt angesprochen, teilweise in die Gestaltung der nachfolgenden Sendungen mit eingebunden und vor allem können sie miteinander agieren, z.B. über parallel laufende Live-Chats.

Und zum anderen möchten die Rezipient*innen beim Herstellungsprozess mitgenommen werden. Sie interessiert weniger das fertige Kunstwerk als der Weg dorthin! Sie reizt sozusagen der Blick hinter die Kulisse und gleichzeitig Fassade der Kulturschaffenden – das Scheitern, Probieren und das emotionale Happy End, wenn schlussendlich doch alles klappt – an diesen Stationen möchten sie dabei sein.

Die Konzeption des Kunstprojekts “Das digitale Gipfelbuch” basiert auf diesen beiden Feststellungen. So wurden im Vorfeld verschiedene Stadien und Formen der Kunstproduktion festgehalten. Je nach künstlerischer Disziplin der Kulturschaffenden handelte es sich so um Proben, das Zusammensetzen einer Skulptur oder das Bauen einer Kulisse für ein Figurentheaterstück. Das verbindende Element lag einzig in der Unfertigkeit der künstlerischen Beiträge, die auf diese Weise einen Ausschnitt in die Organisation und Realisation eines Kunst- und Kulturfestivals geben sollten. Als analoger Präsentationsrahmen diente anschließend die PEAK-STREAM BAR, wo Interessierte während der Öffnungszeiten des Festivals “Monte Bruno und das Bergsteiger*innen-Programm” den Film sehen konnten. 

Bis zu diesem Punkt hätte sich das Kunstprojekt vom gängigen Kulturangebot kaum unterschieden. Erst durch den anschließenden Miteinbezug des Publikums und der Überführung ihrer Reaktionen, Emotionen und Interaktionen über einen Greenscreen in einen Livestream wurde ein neuer Reflexionsraum geschaffen. Ab diesem Zeitpunkt an standen nicht mehr die einzelnen Videos im Vordergrund, sondern die gefilmten Besucher*innen der  PEAK-STREAM BAR, welche nun mit ihren Kommentaren und Reaktionen Teil des Projektes geworden waren. Für die Zuschauer*innen des Livestreams verbanden sich dadurch der künstlerische Prozess der einzelnen Künstler*innen des Kunstverein Wagenhalle mit der persönlichen Rezeption der Besucher*innen vor Ort. Neben diesem erweiterten Zugang zum Festivalprogramm wurden andere Kulturschaffende und Kulturinstitutionen angesprochen. Denn etwas, dass es dringend in dem Kultursektor braucht ist ein Austausch über digitale Angebote mit dem wichtigsten überhaupt: Dem Publikum! 

Die Berge, die es zu versetzen gilt, sind in unserem Bewusstsein.

Reinhold Messner

Das digitale Gipfelbuch wird gefördert durch den Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, im Impulsprogramm „Kunst trotz Abstand“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und der Wüstenrot Stiftung sowie dem Kunstverein Wagenhalle e.V.

Das digitale Gipfelbuch ist aus einem im Lockdown entwickelten Projekt hervorgegangen, welches einen digitalen Raum für gemeinsames Erleben schaffen wollte.  Während des Lockdowns hat die Initiative #digitalesPublikum mit verschiedenen Formaten und Herangehensweisen an eine digitale Vermittlung von Kultur- und Kunstangeboten experimentiert.

Hier der Aufruf des Projekts #digitales Publikum:

Die Kultur ist im Lockdown und wir wissen nicht wie lange das so bleibt. Die Bühnen verwaisen, die Museen sind geschlossen und im Orchestersaal erklingt kein Ton. Doch, aus der Not und dem Pioniergeist einiger hat sich inzwischen eine Vielzahl von digitalen kulturellen Angeboten entwickelt. Jetzt können wir Theaterstücke im Stream erleben, durch Museen scrollen und digitalen Konzerten lauschen. Der Kulturbetrieb probiert, adaptiert und entwickelt neue Formate und versucht das Publikum über die digitalen Wege zu erreichen.

Doch da ist kein Publikum.

Seien wir mal ehrlich: Kaum jemand schaut das Theaterstück im Stream. Wer möchte ernsthaft am Sonntag den digitalen Museumsbesuch wagen? Oder eine Symphonie am Abend im Laptop hören?

Niemand – denn den digitalen Formaten fehlt der soziale gemeinsame Raum des Erlebens. Deswegen ruft die Initiative #digitalespublikum dazu auf, diesen Raum zu schaffen und die vielzähligen digitalen Angebote endlich wahrzunehmen.

Wie? In dem wir von den erfolgreichen digitalen Communitys unserer Zeit lernen. Während 5 Techniker das hiesige Theaterstück im Stream schauen, verfolgen live auf YouTube und Twitch 50.000 Leute einen Streamer beim Zocken, Essen, Auspacken oder Kommentieren anderer Videos. Auch wenn sich diese Welten nicht vergleichen lassen und es beim einen vielleicht eher um Entertainment geht, kann man doch darin eine digitale Form des gemeinsamen Erlebens sehen, von denen der Kulturbetrieb lernen kann.

Denn was wir hier sehen, ist ein Raum, in dem digitales Publikum die Möglichkeit zur Interaktion, Reflexion und geteilter Reaktion bekommt. Kulturbetriebe sollten nicht nur die analogen Angebote digitalisieren – sondern auch die analogen Räume des gemeinsamen Erlebens! Warum nicht Reaktionsvideos machen, in denen Kulturinteressierte die digitalen Angebote mit anderen live entdecken? Es gibt viele Möglichkeiten und Beispiele von digitalen Räumen des gemeinsamen Erfahrens. Wartet nicht auf das Ende des Lockdowns – probiert Neues aus.

Die Initiative Kultur braucht #digitalespublikum sucht deshalb Kulturschaffende oder Kulturinteressierte im Lockdown, die #Publikumsvertreter werden und z.B. Reaktionsvideos von digitalen Kulturstreifzügen machen. Schließt euch zusammen, kommentiert spontan, geistreich, mit Anekdoten, lustig oder schüchtern. In den Zeiten der Herausforderungen gibt es kein richtig und falsch. Jeder kann mit ein paar Handgriffen Streams erstellen und dadurch den Raum für ein gemeinsames Erlebnis schaffen.

Am Ende braucht die Kultur #digitalespublikum und wir brauchen Kultur trotz Lockdown.